PET CEMETARY - RUHE SANFT

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Es ist der zweite Tag unserer Kanutour durch Dalsland in Schweden. Am Tag zuvor sind wir vom Grunnerud Camp mit unseren Kanus gestartet und haben die erste Nacht auf einer kleinen, gemütlichen Insel verbracht, Ruhe und Natur genießend.

Heute steht jedoch etwas ganz anderes auf dem Programm, liegt doch fast unmittelbar am Foxen, dem zentralen See dieses Gebiets, einer der legendärsten Schrottplätze Schwedens. In der richtigen Bucht gelandet, folgen wir einem Schotterweg, der schon bald von einem Bach begleitet wird. Dessen rostbräunliche Farbe verheißt uns, daß wir auf dem rechten Weg sind.

scrot_3 Kurz darauf tauchen auch schon die ersten Wracks zwischen den Bäumen auf. Offenbar sind wir an der richtigen Ecke des Schrottplatzes angelangt, denn in den Wald hinein zieht sich eine kleine Karawane von Buckelvolvos. Immer wenn man meint, den letzten und traurigsten dieser finalen Warteschlange erreicht zu haben, kann man im dichter werdenden Unterholz das nächste Exemplar erspähen. Wer sich jetzt die Hände reibt und schon nach seinem Werkzeug greift,um seinen Keller um ein paar gebrauchte Reserveteile zu bereichern, der sei gewarnt: Diese Autos sind jenseits von Gut und Böse. Die Karosserien sind vom jahrzehntealten Sediment der Bäume bedeckt, die Sitze zu Kompost und Blättern geworden; Konsolen, Lenkräder und Bodenmatten sind vom Moos und Pilzen bedeckt, die Räder halb im Boden versunken. Diese Autos ruhen sanft, der Ewigkeit entgegen. Ein würdiges Ende, Vergleiche mit den legendären Elefantenfriedhöfen des Dschungels drängen sich auf. Außerdem sind die Wächter dieser vielleicht heiligen Ruhestätte auch nicht zu verachten: völlig versunken in die antike Pracht, bemerkte ich zunächst überhaupt nicht, daß hier ziemlich gemeine, blutsaugende Bestien von Mücken hausen, die uns arg zurichteten, bevor mir überhaupt ein Gedanke an das rettende Autan kommt.
scrot4 Doch weiter mit unserem Rundgang: An einem Amazon entdecke ich die ultimative biologische Wegfahrsperre: durch den leeren Motorraum sprießt ein Bündel stämmiger Birken. Das nun offener werdende Gelände ist übersät mit Autos aller Baujahre und Fabrikate: hier eine "Badewanne", etliche Saabs, diverse VW-Busse, und Volvos über Volvos; alle ganz romantisch ins üppig wuchernde Grün gebettet. Nur wenige Autos weisen Spuren ernsthafter Unfälle auf, vielleicht sind jene Kandidaten aber auch längst gequadert worden.
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Zwei Duetten, beide 445er, liegen sanft nebeneinander, nach der letzten Lieferfahrt (vielleicht 1965?) hier abgestellt.

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Einem Buckel, der auf einem zweiten thront, fehlt das komplette Seitenteil; hier hat wohl eine Organspende stattgefunden. Aber auch das kann schon Jahre zurückliegen. Ein wenig weiter steht eine ganze Reihe Buckel Spalier. Anordnung und Menge erinnern an ein beliebiges Volvotreffen in Göteborg oder Vallåkra, nur daß die letzte Unterbodenwäsche bereits 20 Jahre her ist. Traurig und verlassen stehen sie da, aber zumindest nicht allein.

Ich kann nicht sagen, wie groß das Gelände ist oder wie viele Volvos dort stehen, man bräuchte sicherlich Tage, um die sich im Wald verlierenden Grenzen des Geländes zu erforschen. An einem Ende des Platzes hört man schwere Maschinen arbeiten, hoffentlich arbeiten sich die Bulldozer nicht zu bald zu den beschriebenen Fossilien durch. Man sollte sich nicht täuschen lassen: Auch wenn die Natur hier zumindest oberflächlich einen klaren Punktsieg über die Technik errungen hat, meldet sich doch das ökologische Gewissen, wenn man nackte B16-Motoren auf dem Waldboden liegen sieht. Ein geringer Trost ist jedoch, daß alles Öl, was hier jemals auslaufen konnte, schon längst im Waldboden versickert ist.

Nur schwer kann ich mich von diesem Ort losreißen, doch unsere Mit-Kanuten, nicht unbedingt so Volvo-verrückt wie meine Freundin und ich, wollen gerne weiter, nicht zuletzt wegen der Mücken. So verlassen wir also diesen Friedhof der Kuscheltiere, zurück zu den Kanus, zur Paddeltour und zur unverdorbenen Natur. Verdorben? Nun, selbst unsere Freunde, die in Sachen Umweltschutz sonst keinen Spaß verstehen, mußten zugeben, daß dieser Ort eine eigene Atmosphäre hat. Sollte mein Amazon einmal sterben, so wäre dies ein sehr würdiger Platz für seine Überreste.

Pet Cemetery - während in Stephen Kings Roman die Haustiere als seelenlose Zombies zurückkehren, ist es hier genau umgekehrt: Die hier ruhenden Autos haben ihre Seelen noch, nur ihre Hüllen verrotten.


Christoph Wienberg

Den Schrottplatz erreicht man natürlich auch über Land: Von der E 18 biegt man in Töcksfors an der Kirche in Richtung Süden ab. Nach ca. 20 km am See entlang, in Båssnäs, findet man den Schrottplatz. Achtung! Die Straße ist sehr schmal. Wer auf die Suche nach Teilen gehen will, sollte sich vor der Demontage mit dem Platzwart verständigen. Mein Dank geht an Bernd Poppe für die landseitige Wegbeschreibung, und an Thorsten Gressling, von dem die seeseitige Beschreibung stammt.