Geschichte der Familie P.


Es folgt die Schilderung des Schicksals einer ganzen Familie, die vom Volvo-Bazillus erwischt wurde. Dargelegt vom jüngsten Sproß der Familie, ist dies eine aufrüttelnde Geschichte, wie wir sie selten gelesen haben...

Es war einmal vor vielen, vielen Jahren, daß meine Eltern beschlossen hatten, unseren Urlaub in Schweden zu verbringen. Zu der Zeit schrieb man das Jahr 1973, der 3,80 m lange Wohnwagen wurde von einem Ford 20 M gezogen. Im Gepäck ein Schlauchboot und zwei Kinder. Mein Bruder, zwei Jahre alt, und ich, ein ganzes Jahr alt. Und gleich hinter der Fähre Hälsingborg - Helsingør passierte es, wir sahen unseren ersten "Buckel". Ob es ein 444, 544 oder ein Duett gewesen ist, läßt sich heute nicht mehr feststellen. Doch meine Mutter, von dem Anblick begeistert, tat folgenden, geschichtlich entscheidenden Ausruf: "SO EINEN WILL ICH AUCH!".

Nun, es mußten noch einige Jahre vergehen, insgesamt 19 Jahre. 19 mal sind meine Eltern noch nach Schweden, Norwegen und Finnland gefahren und es sind Tausende "Buckels" an ihnen vorüber gefahren, bis mein Vater sich 1992 endlich auf die Suche nach einem passenden "Buckel" machte. Im September desselben Jahres war "ER" gefunden.

444 H 1954

"ER", ein 444H, Baujahr 1954, war 1987 nach Deutschland importiert worden, stand in Gladbeck und wurde nach Abhandlung der Formalitäten sogleich auf eigener Achse nach Bremen geschafft. Auf der Autobahn verabschiedete sich dann der Verteilerfinger, das war aber nicht weiter schlimm, den der Verteiler war nicht der originale und wurde mit Hilfe einer Behelfsreperatur wieder auf Trab gebracht. Da war nur noch die Sache mit der Bremse, denn der "Buckel" bremste nur, indem sich die hinteren Bremsbacken schon bei der kleinsten Berührung des Bremspedals "aufgabelten", was ein abruptes blockieren der Hinterräder zu Folge hatte. Als nach Erneuern aller Bremsleitungen und der vier Radbremszylinder, inklusive zahlloser Einstellversuche, immer noch keine Besserung erfolgte, erinnerte sich mein Vater daran, daß sein Vater in den 50er Jahren einen 1200er VW gefahren hat; der wiederum besaß, wie der Buckel, vier Trommelbremsen. Was also tat man damals bei solchen Schwierigkeiten? Ein kurzer Anruf bei meinem Opa sollte dies klären, mit folgendem Ergebnis:
Man nehme 80er Schleifpapier, klebe damit eine Trommel nach der anderen aus, baut danach die Dinger wieder ans Auto und beginnt die Einstellschrauben unter ständigem drehen der Trommel fest zu ziehen. Sinn der Sache ist, daß sich die Radien der Bremsbeläge dehnen, der Trommeln anpassen, indem sie vom Schleifpapier einfach abgeschliffen werden. Nachdem das Schleifpapier aus der Trommel entfernt wurde (sehr sehr wichtig!!!), ist der Radius der Backen um ca. 1mm kleiner als der der Trommel, was ein geradezu göttliches Bremsverhalten unseres Buckels zufolge hatte. Der Typ vom TÜV traute jedenfalls seinen Augen nicht, als auf dem Bremsenprüfstand nur die weiße Lampe in der Mitte aufleuchtete!

Doch nun war die Zeit meines Bruders gekommen. Er war in der Zwischenzeit so "heiß" geworden, daß er jede nur möglich erscheinende Quelle auftat, um auch an einen "Buckel" zu kommen. Nach recht kurzem Hin und Her hatte er auch einen gefunden. Sein "Buckel" ist ein 544 F Baujahr 1964 und ist 1987 von Dänemark nach Deutschland gekommen. Nachdem ihm im Sommer '93 bei einem Unfall jemand die Californiastoßstange in den Kofferraum gedrückt hatte, hat er beschlossen, den Wagen einer kleinen Kur zu unterziehen. Gesagt, getan, am 15.01.1994 wurde das Auto in die Werkstatt eines Freundes geschoben und zerlegt. Der Motor wurde grundüberholt und bekam neue Kolben, Stirnräder und Lagerschalen, außerdem wurde er neu lackiert. Die Karosserie und die Achsen wurden sandgestrahlt. Die Bestandsaufnahme ergab, daß die Restaurationszeit von fünf Monaten zu kurz angesetzt war.

PV 544

Fangen wir mal am Fahrzeugende an, das Heckabschlußblech und die Werkzeugmulde wurden herausgetrennt und gegen Reparaturbleche ausgetauscht, die so schlecht paßten, daß sie ohne weiteres auch für jedes andere Auto hätten bestimmt sein können. Das "Einstricken" kostete eine Woche Arbeit oder ca. 50h. Wo wir gerade bei Stunden sind, mein Bruder arbeitete nach der Arbeit im Betrieb, nachmittags von fünf Uhr bis abends zehn oder elf. Am Wochenende von morgens zehn bis abends zehn Uhr, Woche für Woche und natürlich auch in den 14 Tagen Urlaub, in denen er wie ein Besessener die Preßluftsäge schwang.

Womit wir wieder beim Auto wären. Die Reserveradmulde bestand aus vier Lagen Blech, die eiskalt übereinandergeschweißt wurden, auch diese wurden herausgetrennt. Ebenfalls die Schweller, Schwellerecken, die Bodengruppen, sowie die Knotenbleche der Wagenheberaufnahmen, sofern noch vorhanden. Vor den A-Holmen waren die obligatorischen Löcher nach dem Strahlen unter den Spachtelmassen hervorgetreten , auch diese Stellen wurden großzügig herausgetrennt und neu eingesetzt. Die Vorderachse besaß ebenfalls einige Löcher. Besonders interessant: die Längsträger vor der Spritzwand. Bei einer vorangegangen Restaurierung wurde der Strahlsand nur ungenügend aus dem Auto entfernt, was dazu führte, daß der Strahlsand Wasser gezogen hatte, mit den entsprechenden Folgen. Die Längsträger wurden also demontiert, die nicht mehr vorhandenen Knotenbleche wurden rekonstruiert. Alle Hohlräume wurden einer Dinolbehandlung unterzogen. Bevor ich es vergesse, "die hinteren Radkästen!" An denen wurde schon kräftig rumgedoktert. Besonders an den Ecken zu den Seitenwänden, was unter einer zwei cm dicken Schicht Spachtelmasse verborgen war. Die versprochene Hochzeitsfahrt, die am 13.05.94 stattfinden sollte, wurde nun mit dem schwarzen PV meines Vaters und einer wunderschönen Amazon Baujahr 1969 eines Bekannten gefahren, dessen weißer Buckel einige Tage vorher einen Kupplungsschaden bekam und somit als Ersatzfahrzeug ausfiel. Doch zurück zur Restauration. Ein Problem sollten die Muttern der Längslenker der Hinterachse darstellen; diese von der Achse zu lösen bedurfte einiger Anstrengungen. Erst nachdem die Achse in der Halle in alle Himmelsrichtungen verzurrt wurde und der passende Rohrschlüssel mit einer zweieinhalb Meter langen Verlängerung bearbeitet wurde, gaben die Muttern mit einem gewaltigem Knall nach. Der Zustand des Rohrschlüssel war danach allerdings nur noch zu bedauern. Die Hinterachse wurde nach dem Strahlen nur lackiert und wieder angeschraubt.

01.06.94: Die Vorderachse ist auch wieder am Auto. Ebenso das Lenkgetriebe samt Lenksäule. Auch die lange Zeit des Spachtelns ist, abgesehen von den Türen, nun zu Ende. Kotflügel, Motorhaube usw. haben die 30 Jahre ganz gut überstanden. An diesen Teilen waren nur kleinere Mängel zu beseitigen. Die linke Tür wurde durch eine von unserem Stammtischpräsidenten erworbene ersetzt und so wie die rechte mit Reparaturblechen versehen. Nun wurde der "Buckel" zum Lackierer gebracht.

In diesen Tagen, man schreibt den 06.07.1994, fuhren meine Eltern in den Urlaub. Das Ziel war, wie sollte es sonst auch sein, Schweden. Doch diesmal mit einem besonderen Auftrag, sie sollten Ausschau nach einem Auto für mich halten. Ein Duett sollte es sein, die verglaste Variante, möglichst ein jüngerer Jahrgang, mindestens neuwertig für max. 2000 DM. Ich kann es vorwegnehmen, es war nicht einmal ein Schrotthaufen für 10.000 DM aufzutreiben. Zusammen mit meinem Bruder und dessen Kumpel sind wir 14 Tage nach meinen Eltern auf dem Campingplatz eingetroffen, den wir als Basis unserer Suchaktion verwenden wollten. Die gekauften Autozeitungen wiesen jedoch nicht einen Duett auf. Also alles umsonst! Doch meine Mutter, des Schwedischen mächtig, rief auf eine unscheinbare Annonce einer Amazon Bj. 63 an, machte einen Termin und ließ sich die Adresse geben. Wie sich auf der Straßenkarte herausstellte, fast 600 km entfernt. 600 km auf der Landstraße quer durch Schweden, bei 70 max. 90 km/h, mehr ist nicht erlaubt, und wer die schwedischen Bußgelder kennt, der fährt auch nur so schnell, wie erlaubt ist. "Ganz toll", hab ich gedacht! "Na ja", wir also hin. Acht Stunden reine Fahrzeit. Doch als wir auf den Hof gefahren sind, stand sofort fest, der Amazon geht mit.

Amazon '63

Ganz ehrlich, ich habe erst eine Amazon gesehen, die so schön gewesen ist, doch die war Bj. 69, also noch fast neu! Das Auto ist Bj. Ende 1963 und absolut original, es ist nicht einmal ein Radio eingebaut worden. Auch einen linken Außenspiegel wird man vergebens suchen. Dementsprechend mußte ich auch meine Fahrweise gewaltig umstellen.

Seit diesem Tag war mein P 121 täglich im Einsatz, außer einer kleinen Reparatur der Bremsanlage und dem Austauschen der Frontscheibe habe ich nichts an dem Auto machen müssen.

Anfang Dezember, der Buckel meines Bruders ist nun nach unendlich langer Zeit vom Lackierer zurück. Nun sollte das Auto aber langsam fertig werden und so wurde die Arbeitszeit um ein bis zwei Stunden pro Tag erhöht. Der Zusammenbau sollte ohne Überraschungen vonstatten gehen, bis auf die rechte Tür, die wollte einfach nicht passen! Es war nicht möglich ein einigermaßen erträgliches Spaltmaß zustande zu bekommen. Ist der Schweller etwa falsch eingesetzt, sollte mein Bruder alles wieder auseinanderreißen müssen? Nein, denn am dritten Tag, die Nerven lagen bei allen Beteiligten bereits blank, paßte die schei... Tür beim ersten Versuch, warum und warum nicht schon früher weiß keiner so genau, ist auch egal, sie ist jedenfalls drin. Mitte Februar 1995, es ist geschafft, der Buckel ist wieder zusammen, der Wachs ist unter dem Auto und der TÜV hat seinen Segen gegeben.

Eigentlich müßte die Geschichte hier nun zu Ende sein, wäre da nicht noch der Jüngste der Familie P., der, trotz der Amazon, immer noch nicht so recht zufrieden war. Den eigentlich sollte der Amazon ja ein Duett werden. Und aus diesem Grund sah ich mich im Sommer wieder nach einem Duett um, ohne Ergebnis. Doch am Ende des Sommers, meine Eltern waren gerade wieder aus ihrem Schwedenurlaub zurückgekommen, da überredete uns unser Vater zu einem Treffen nach Holland zu fahren, allerdings mit dem Alltags-740 GL, denn es regnete in Strömen. In Holland wurde das Wetter glücklicherweise doch noch wieder besser. Und was soll ich Ihnen sagen, ein Duett neben dem anderen. Von sehr guten bis, sagen wir mal "fahrbaren Resten". Nur eine Sorte Duetts gab es nicht, nämlich die, die zu verkaufen waren. Doch auf dem Besucherparkplatz stand u.a. ein Auto mit einer Anzeige in der Heckscheibe, Duett Bj. 1968 einem hübschen Photo plus einer Telephonnummer, doch "wo ist jetzt bloß mein Schreibblock und der blöde Kugelschreiber"? 14 Tage später wurde das Auto gekauft und nach Bremen geschafft. Das Auto ist bereits an allen Stellen geschweißt, jeglicher Schweißstil ist an dem Auto zu finden! Die Inneneinrichtung ist ziemlich "verwarzt" und die vorderen Sitze stammen aus einem 142er, die Lackierung wurde vor ein paar Jahren mit dem Original-Farbton Nr. 99 neu lackiert (leider keine Meisterleistung). Der Öler des Verteilers fand bei den Vorbesitzern wohl keinerlei Beachtung, so das das Gleitlager eingelaufen war und der Verteiler nur einen bescheidenen Zündfunken auf den zweiten und dritten Zylinder lieferte. Die Unterdruckdose war ebenfalls hin usw. usw.. Ich werde auf jeden Fall noch eine menge Spaß an und mit dem Auto haben.

Duett '68

Denkste, sagte das Schicksal, denn ich "verlor" das Auto bei einem Unfall und somit bin ich wieder auf der Suche!


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