Klare Scheibe - der Aus- und Einbau der großen, durchsichtigen Dinger an beiden Enden des Volvos


Es ist soweit. Wir haben es kommen sehen. Die Dichtung wurde spröde, es hat ‘reingeregnet , der TÜV hat die von Kieslastern verursachten Einschußlöcher im Sichtfeld nicht mehr ignorieren können - die Scheibe muß ‘raus. Schlimmer - nachher wieder ‘rein! Also: tief einatmen, die folgenden Zeilen lesen und Mut tanken. 

Zuallererst brauchen wir eine Einkaufsliste. Ist eine neue Dichtung erforderlich (besser ist’s!)? Brauchts eine neue Scheibe? Ist der Scheibenrahmen vergammelt? 
Je nach Antwort ist daher notwendig: 
 
1.  Eine neue Dichtung 
2.  30-40 flache Holzstückchen (siehe Text) 
3.  Eine Kartusche Scheibendichtmasse 
4.  Entfetter (Aceton) und Silikonentferner 
5.  Ein stabiles, scharfes Messer 
6.  Eine  d i c k e  Wäscheleine (die plastikummantelten Teile aus Mutters Garten...) 
7.  ggf. Sandpapier, Pinsel, Rostschutzgrundierung, Lack etc. zum Entrosten des Rahmens 
8.  Putzlappen 
9.  einen zufällig vorbeistreifenden Passanten (oder einen anderen Helfer) 

Die Restauration des Rahmens soll hier allerdings kein Thema sein. Ist er völlig oder teilweise weggerostet, wird es sowieso ungemütlich. 
Der Ausbau sollte mit dem Abschrauben der inneren Scheibenrahmenabdeckung beginnen. Das Armaturen- brett sollte sodann mit einem großen Lappen abgedeckt werden, um Kratzer und später Verschmutzung vorzubeugen. Dasselbe gilt übrigens für die Motorhaube! 

Verwendet man eine neue Dichtung, kann die alte einfach zerschnitten werden. Das geht sehr gut von innen,  da man gut an die Dichtung herankommt und relative wenig schneiden muß. Damit ist außerdem eine schonende Entfernung des Chromrahmens gewährleistet. Wenn die Scheibe mitsamt der restlichen Dichtung und dem Chrom von innen herausgedrückt wird (draußen steht der Helfer und fängt sie auf!), kann man in Ruhe das Gummi aus dem Zierrat ziehen. Das wär’s schon. Möchte man jedoch auf das alte, liebgewonnene Scheibengummi auch in Zukunft nicht verzichten: 
 
Die beiden Klammern oben und unten in der Mitte des Chromrahmens zur Seite drücken. Und zwar gaaaanz vorsichtig! Ein mit Stoff umwickelter Schrauben-
dreher kann helfen, doch immer dran denken: das Material ist sehr weich und instabil! Jetzt kann damit begonnen werden, den Rahmen oben in der Mitte vorsichtig aus dem Gummi zu ziehen. Er ist  ja quasi nur von einer Seite "eingehakt". Auch hier kann, um einen Anfang zu finden, ein kleiner Schraubendreher unter die Chromleiste gesetzt und  l e i c h t   nach oben gedrückt werden. Dann aber sofort mit den eigenen Fingern weiterarbeiten! Den Chromrahmen dabei immer mir einer Hand hinterfassen und mit der anderen fummeln, er verbiegt eben sehr leicht! Es wird eventuell reichen, den Rahmen mit den Finger einer Hand zu hinterfassen und so komplett um die Dichtung herum zu fahren. 
Puh. Die Leisten werden an einen sicheren Ort gebracht und vom zwischendurch etwas gelangweilten Helfer auf Hochglanz poliert. 
Schlechte Grafik (wehe, es beschwert sich jemand!)

So weit, so gut. Doch wie kommt die Scheibe mit intakter Dichtung raus? Die Prozedur beginnt mit dem Lösen der Dichtungen vom Scheibenrahmen, am Besten mit den Fingern, ringsum, innen und außen. Eventuell ist es hilfreich, ein wenig Schmierseife hinter das Gummi zu reiben, es "flutscht" besser. Wenn man jetzt viel Mut und große Füße hat, kann man sie tatsächlich von innen aus dem Rahmen treten, wenn man sich rücklings hinlegt und die besockten Füße links und rechts möglichst gleichmäßig auf der Scheibe verteilt. Wesentlich sicherer ist folgende Methode: man besorge sich flache Holzstückchen, ungefähr 4-5 cm lang und 1-2 cm breit. Dazu kann man Mundspatel bei seiner Apotheke kaufen (die zum "Aaaaah-Sagen"...), einen Zollstock zersägen (erst die Metallenden abschneiden!!), Eis-am-Stiel-Stiele sammeln, Holzwäscheklammern ihrer Federn berauben - stabile Kunststoffteile gehen auch, nur kein Metall, die Scheibe ist empfindlich! 
 
Die Stückchen werden von innen ringsum locker zwischen Dichtung und Rahmen gesteckt und nach und nach reihum immer weiter hineingehebelt. Oft reicht es aus, die Hölzchen von der oberen Scheibenmitte aus bis zu den unteren Seiten einzusetzen, das erspart einige Fummelei. Sitzen die Stückchen fest, kann die Scheibe mit ein bißchen (gleichmäßigem!!) Druck von innen vom Helfer herausgenommen werden. Wenn er wieder wach ist. Falls nicht: es ist möglich, die Scheibe außen ringsum locker mit Klebeband an der Karrosserie zu befestigen und unterhalb der Scheibe reichlich Putzlappen zu plazieren, dann kann sie nicht herausfallen. 
Na, jetzt wär' ein Bierchen recht, nicht wahr? Helferlein bekommt keines, er säubert den Scheibenrahmen am Auto von Dichtmittel, Rost, Dichtungsresten - einfach allem, was nicht dorthin gehört. Außerdem wird dieser entfettet und mit Silikonentferner behandelt, damit die neue Scheibendichtmasse vernünftig haftet! Ebenso wird mit der wiederzuverwendenden Dichtung verfahren. 
Noch so ein Machwerk...

Nun der Einbau: Das Gummi läßt sich in warmen Zustand leichter verarbeiten, daher legt man es vorher in einen Eimer mit heißem (nicht: kochenden!!) Wasser. Die Dichtung wird mit reichlich Scheibendichtmasse auf die Scheibe gezogen. Nach der kurzer Ablüftzeit wird das Wäscheseil in die Rille eingezogen. Terpentinersatz hat sich als Schmiermittel bewährt, ein bißchen Seifenlauge tut's auch. Nur kein Silikonspray! Schließlich muß in jedem Falle nachgedichtet werden, und auf Silikon haftet nun mal nichts. Wo waren wir? Ah, das Seil. Am besten funktioniert es, wenn man nahe jeder Ecke eine lange Schlaufe legt und diese innen auf dem Glas festklebt. 

Das so vormontierte Teil wird nun außen auf den Scheibenrahmen gelegt. Der Helfer übt außen leichten, gleichmäßigen Druck auf die Scheibe aus, während man innen Stück für Stück diagonal an den Schlaufen zieht und dabei die Gummilippe nach und nach über den Rahmen rutscht. Diagonal deshalb, weil es hilft, die Scheibe auf die Mitte zu zentrieren. Voilà! Nun muß durch Klopfen, Schieben und Drücken zugesehen werden, daß die Scheibe genau mittig sitzt und die Dichtung überall gleichmäßig anliegt. Bei restauriertem Rahmen, nachgebauten Scheiben oder nicht-originalen Dichtungen kann es dabei Schwierigekeiten geben, die später mit Dichtmasse ausgeglichen werden müssen. Das ist kein Pfusch, sondern sowieso absolut notwendig!! Also innen und außen zwischen Rahmen und Gummi nicht zu sparsam Dichtmasse einspritzen. Nach einigen Tagen können die Überschüsse abgekratzt werden (siehe auch TeqFaq Wasser marsch). 
Mit etwas Phantasie: so sieht's aus!
Der Chromrahmen wird ebenfalls mithilfe der Wäscheleine eingesetzt. Mit dieser wird das Gummi so weit abgespreizt, daß der Rahmen locker eingesetzt werden kann. Dabei die Verbinder zwischen den beiden Hälften auf eine Hälfte einsetzen! Das Seil wird entfernt, indem eine Hand leichten Druck auf den Rahmen ausübt, während die andere das Seil, nach oben über den Rahmen gelegt, langsam 'rauszieht. Dadurch wird gleichzeitig der Rahmen ins Gummi gedrückt und kann nicht herausrutschen. Theoretisch. Denn insgesamt ist diese Prozedur nicht ganz einfach und muß ggf. mehrfach wiederholt werden. Nicht aufgeben! Lieber zwischendurch ein Päuschen machen, dem Helfer auch ein Bier ausgeben, und später ganz relaxed weitermachen. Und zum Schluß die Verbinder 'rüberschieben. 
Tja, das war's! 
Vielleicht hilft's?

Holger Temmen The Honey Works Volvoniacs
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